Bauverzögerung: Welche Kosten können Bauherren geltend machen?
Verzögert sich die Fertigstellung eines Bauvorhabens, kann der Bauherr Schadensersatz nach §§ 280, 286 BGB verlangen, wenn die Baufirma zuvor wirksam in Verzug gesetzt wurde. Welche Kosten ersatzfähig sind, wie der Nachweis der Verzögerung gelingt und wie hoch eine vereinbarte Vertragsstrafe ausfallen darf.
Verzögert sich die Fertigstellung eines Bauvorhabens, kann der Bauherr vom Bauunternehmer Ersatz des dadurch entstandenen Schadens verlangen, etwa zusätzliche Mietkosten oder Bauzinsen. Rechtsgrundlage sind §§ 280 Abs. 1 und 2, 286 BGB, Voraussetzung ist, dass die Baufirma zuvor wirksam in Verzug gesetzt wurde. Rechtsstand: Juli 2026.
Wodurch entstehen Bauverzögerungen?
Bauverzögerungen entstehen häufig durch Witterungseinflüsse, nachträgliche Änderungen am Bauumfang, Materialengpässe oder eine unzureichend abgeschlossene Ausführungsplanung vor Baubeginn. Nicht jede Verzögerung begründet automatisch einen Anspruch: Entscheidend ist, ob ein Fertigstellungstermin vertraglich vereinbart wurde und wer die Verzögerung zu vertreten hat.
Welche Rechtsgrundlage gilt für Ansprüche bei Bauverzögerung?
Der Anspruch des Bauherrn auf Ersatz des Verzögerungsschadens stützt sich auf §§ 280 Abs. 1 und 2, 286 BGB, bei einem VOB-Vertrag ergänzend auf § 5 VOB/B in Verbindung mit § 6 Abs. 6 VOB/B. Häufig wird hier fälschlich § 642 BGB herangezogen, diese Vorschrift regelt jedoch den umgekehrten Fall: Sie gibt dem Bauunternehmer einen Entschädigungsanspruch gegen den Bauherrn, wenn dieser eine notwendige Mitwirkungshandlung unterlässt, etwa eine Ausführungsplanung nicht rechtzeitig liefert oder eine erforderliche Genehmigung nicht einholt. Für den umgekehrten und in der Praxis häufigeren Fall, dass der Bauherr Ansprüche gegen eine verspätete Baufirma geltend machen will, ist § 642 BGB nicht die richtige Anspruchsgrundlage.
Wann gerät die Baufirma in Verzug?
Ist im Bauvertrag ein fester Fertigstellungstermin vereinbart, kommt die Baufirma mit dessen Überschreitung automatisch in Verzug, eine zusätzliche Mahnung ist dann nicht erforderlich (§ 286 Abs. 2 Nr. 1 BGB). Fehlt ein solcher Termin, muss der Bauherr die Baufirma zunächst schriftlich mahnen und zur Fertigstellung binnen angemessener Frist auffordern. Die Baufirma gerät dabei nur in Verzug, soweit sie die Verzögerung zu vertreten hat, das heißt Vorsatz oder Fahrlässigkeit (§ 276 Abs. 1 BGB). Sind Subunternehmer eingeschaltet, muss sich die Baufirma deren Verschulden als Erfüllungsgehilfen zurechnen lassen (§ 278 BGB). Wie eine solche Mahnung formuliert wird, zeigt das Musterschreiben im Artikel Baufirma in Verzug setzen.
Welche Kosten kann ich bei Bauverzögerung geltend machen?
Ersatzfähig sind grundsätzlich alle Vermögensnachteile, die durch die verspätete Fertigstellung adäquat verursacht wurden. Dazu zählen in der Praxis regelmäßig zusätzliche Mietkosten für eine Interimswohnung, weiterlaufende Bauzinsen für den noch nicht abgelösten Baukredit, Kosten für die Zwischenlagerung von Möbeln, Umzugskosten sowie Rechtsverfolgungskosten. Die Beweislast ist für den Bauherrn günstig verteilt: Nicht er muss ein Verschulden der Baufirma nachweisen, sondern die Baufirma muss darlegen und beweisen, dass sie die Verzögerung nicht zu vertreten hat (§ 280 Abs. 1 Satz 2 BGB). Personalmangel, Lieferengpässe der eigenen Zulieferer oder eigene Planungsfehler entlasten die Baufirma dabei in aller Regel nicht.
Wie weise ich Verzögerungsschäden nach?
Mit der bloßen Feststellung, dass der Fertigstellungstermin überschritten wurde, ist es nicht getan. Nach der Leitentscheidung des Bundesgerichtshofs vom 24. Februar 2005 (Az. VII ZR 141/03, BGHZ 162, 259) muss derjenige, der eine Bauzeitverlängerung oder einen Verzögerungsschaden geltend macht, konkret darlegen, durch welche einzelne Behinderung welche Verzögerung eingetreten ist. Eine pauschale Behauptung reicht nicht aus, verlangt wird eine sogenannte bauablaufbezogene Darstellung: ein Vergleich des ursprünglich geplanten Bauablaufs (Soll) mit dem tatsächlichen Bauablauf (Ist), aus dem sich nachvollziehen lässt, wie sich die einzelne Störung auf den Fertigstellungstermin ausgewirkt hat.
Für die Frage, ob und wie lange eine Behinderung vorlag, gilt die strenge Beweisregel des § 286 ZPO, nicht die erleichterte Schadensschätzung nach § 287 ZPO. Erst wenn feststeht, dass und wie lange der Bauablauf gestört war, darf das Gericht die weiteren Folgen für die Bauzeit und die Schadenshöhe im Rahmen des § 287 ZPO schätzen. In der Praxis bedeutet das für Bauherren wie für Baufirmen:
| Beweisschritt | Wonach richtet sich das? |
|---|---|
| Ob und wie lange eine Behinderung vorlag | § 286 ZPO, volle Beweislast |
| Wie sich die Behinderung auf den Gesamtbauablauf auswirkte | Bauablaufbezogene Darstellung, Soll-Ist-Vergleich |
| Wie hoch der daraus entstandene Schaden ausfällt | § 287 ZPO, richterliche Schätzung möglich |
Praktische Dokumentationstipps für den Soll-Ist-Vergleich:
- Bauzeitenplan (Balkenplan oder Netzplan) bereits bei Vertragsschluss sichern und bei jeder Änderung datiert fortschreiben.
- Jede einzelne Behinderung (Wetter, fehlende Vorleistung, Materialengpass, Nachtrag) mit Datum, Dauer und betroffenem Gewerk im Bautagebuch festhalten.
- Fotos und Baustellenberichte laufend archivieren, nicht erst rückwirkend rekonstruieren.
- Bei VOB-Verträgen die Behinderungsanzeige nach § 6 Abs. 1 VOB/B nicht vergessen, siehe dazu den nächsten Abschnitt.
Eine bauablaufbezogene Darstellung muss nach der Rechtsprechung nicht in jedem Detail fehlerfrei sein, um als Grundlage für eine Schätzung zu taugen, sie muss aber im Kern nachvollziehbar machen, welche Verzögerung auf welche Ursache zurückgeht. Wer diese Dokumentation erst im Prozess nachreichen will, hat es deutlich schwerer als jemand, der von Baubeginn an mitschreibt.
Was gilt, wenn eine Vertragsstrafe vereinbart wurde?
Neben dem Schadensersatz nach Verzug sehen viele Bauverträge zusätzlich eine Vertragsstrafe für den Fall der Terminüberschreitung vor. Sie wirkt, anders als der Schadensersatzanspruch, unabhängig vom Verschulden der Baufirma und ohne dass der Bauherr einen konkreten Schaden nachweisen muss. Nach ständiger BGH-Rechtsprechung ist eine solche Klausel nur wirksam, wenn der Tagessatz in einem angemessenen Verhältnis zur Auftragssumme steht (üblich sind 0,2 bis 0,3 Prozent pro Werktag) und die Vertragsstrafe insgesamt 5 Prozent der Auftragssumme nicht übersteigt. Eine höhere Vertragsstrafe benachteiligt die Baufirma unangemessen und ist insgesamt unwirksam, dann bleibt nur der Schadensersatzanspruch nach §§ 280, 286 BGB.
Wer haftet, wenn mehrere Beteiligte für die Verzögerung verantwortlich sind?
Die Verzögerung kann aus der Sphäre des Bauherrn, der Baufirma oder eines Dritten stammen. Häufig ist die Baufirma von ihren Lieferanten abhängig, Lieferschwierigkeiten wirken sich dann unmittelbar auf den Bauablauf aus. Die Baufirma haftet grundsätzlich auch für Verzögerungen, die von Subunternehmern oder Lieferanten verursacht wurden, die sie zur Erfüllung ihrer eigenen Pflichten eingesetzt hat. Gehen Verzögerungen dagegen auf nachträgliche Änderungswünsche des Bauherrn selbst zurück, gerät die Baufirma dadurch nicht in Verzug. In der Praxis lohnt sich deshalb eine sorgfältige Dokumentation, aus wessen Verantwortungsbereich die Verzögerung tatsächlich stammt.
Was bedeutet die Behinderungsanzeige nach § 6 VOB/B für meinen Anspruch?
Bei einem VOB-Vertrag kann sich die Baufirma auf einen von ihr nicht zu vertretenden Verzögerungsgrund, etwa außergewöhnliches Wetter oder einen Streik bei einem Zulieferer, grundsätzlich nur berufen, wenn sie Ihnen die Behinderung zuvor unverzüglich schriftlich und inhaltlich hinreichend konkret angezeigt hat (§ 6 Abs. 1 VOB/B). Unterlässt die Baufirma diese Anzeige, kann sie sich später im Streitfall nicht ohne Weiteres auf den hindernden Umstand berufen, es sei denn, Ihnen als Auftraggeber waren die Tatsache und ihre hindernde Wirkung ohnehin offenkundig bekannt.
Für Sie als Bauherr ist das ein wichtiger Prüfpunkt: Fehlt eine solche Behinderungsanzeige oder kam sie erst deutlich verspätet, schwächt das die Verteidigungsposition der Baufirma gegen Ihren Verzugsschaden erheblich, selbst wenn der Verzögerungsgrund an sich nachvollziehbar war. ...selbst wenn der Verzögerungsgrund an sich nachvollziehbar war. Wenn zur Verzögerung auch noch eine überschrittene Kostenobergrenze hinzukommt, erklärt der Beitrag Baukostenobergrenze überschritten: Müssen Sie die Mehrkosten trotzdem zahlen?, wann der Architekt für die Mehrkosten haftet.
Wie lange kann ich Ansprüche wegen Bauverzugs geltend machen?
Der Schadensersatzanspruch wegen Verzugs verjährt in der regelmäßigen Frist von drei Jahren (§§ 195, 199 BGB). Der Bundesgerichtshof hat am 19. Mai 2022 klargestellt (Az. VII ZR 149/21), dass die Frist bereits mit dem Ende des Jahres beginnt, in dem der Bauherr von der Verzögerung Kenntnis erlangt, und dass nach dem Grundsatz der Schadenseinheit auch später eintretende Folgeschäden erfasst werden, die zu diesem Zeitpunkt bereits als möglich vorhersehbar waren. Im entschiedenen Fall hatte der Bauherr erst neun Jahre nach Bekanntwerden der Verzögerung geklagt, seine Ansprüche waren daher bereits verjährt. Wer eine Bauverzögerung bemerkt, sollte deshalb nicht zu lange abwarten, bevor er seine Ansprüche schriftlich geltend macht oder verjährungshemmende Schritte einleitet. ...oder verjährungshemmende Schritte einleitet. Einen Überblick über alle Beiträge zu Baumängeln und Bauvertrag gibt die Themenseite Baumängel und Bauvertrag.
Häufig gestellte Fragen zur Bauverzögerung
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Fragen & Antworten
Ist § 642 BGB die richtige Anspruchsgrundlage, wenn die Baufirma zu spät fertig wird?
Nein. § 642 BGB regelt den umgekehrten Fall: einen Entschädigungsanspruch des Bauunternehmers gegen einen Bauherrn, der eine notwendige Mitwirkungshandlung unterlässt. Für den Anspruch des Bauherrn gegen eine verspätete Baufirma gelten §§ 280 Abs. 1 und 2, 286 BGB.
Welche Kosten kann ich bei Bauverzögerung von der Baufirma ersetzt verlangen?
Unter anderem zusätzliche Mietkosten für eine Interimswohnung, weiterlaufende Bauzinsen, Umzugs- und Lagerkosten sowie Rechtsverfolgungskosten, sofern die Baufirma zuvor wirksam in Verzug gesetzt wurde.
Reicht es aus, wenn ich den überschrittenen Fertigstellungstermin nachweise?
Nein. Nach der BGH-Leitentscheidung vom 24.2.2005 (Az. VII ZR 141/03, BGHZ 162, 259) muss konkret dargelegt werden, durch welche einzelne Behinderung welche Verzögerung eingetreten ist, anhand eines Vergleichs von geplantem und tatsächlichem Bauablauf (bauablaufbezogene Darstellung). Eine pauschale Behauptung genügt nicht.
Wie hoch darf eine Vertragsstrafe wegen Bauverzugs sein?
Nach ständiger BGH-Rechtsprechung darf eine Vertragsstrafe insgesamt 5 Prozent der Auftragssumme nicht übersteigen, üblich sind Tagessätze von 0,2 bis 0,3 Prozent. Eine höhere Vertragsstrafe ist insgesamt unwirksam.
Wie lange kann ich Schadensersatz wegen Bauverzugs geltend machen?
Der Anspruch verjährt in der regelmäßigen Frist von drei Jahren ab dem Ende des Jahres, in dem Sie von der Verzögerung Kenntnis erlangt haben, wie der Bundesgerichtshof 2022 entschieden hat (VII ZR 149/21).
Muss die Baufirma eine Behinderung anzeigen, bevor sie sich auf höhere Gewalt beruft?
Bei einem VOB-Vertrag schon. Nach § 6 Abs. 1 VOB/B kann sich die Baufirma auf einen nicht zu vertretenden Verzögerungsgrund grundsätzlich nur berufen, wenn sie Ihnen die Behinderung zuvor unverzüglich schriftlich und hinreichend konkret angezeigt hat. Fehlt diese Behinderungsanzeige, schwächt das ihre Verteidigung gegen Ihren Verzugsschaden erheblich.
Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich der allgemeinen rechtlichen Information und stellt keine Rechtsberatung im Einzelfall dar. Für die Beurteilung Ihrer konkreten Situation wenden Sie sich bitte direkt an Rechtsanwalt Hermann Kaufmann. Die Inanspruchnahme von Rechtsdienstleistungen setzt ein individuelles Mandatsverhältnis voraus (§ 43b BRAO).